Verarbeitung

Yeah, my life is what I’m fighting for
Can’t part the sea, can’t reach the shore
And my voice becomes the driving force
I won’t let this pull me overboard
God, keep my head above water
Don’t let me drown, it gets harder
I’ll meet you there at the altar
As I fall down to my knees
Don’t let me drown, drown, drown
– Avril Lavigne
Lange habe ich immer nur rumgedruckst was ich erlebt habe, nicht mal meine engste Familie und meine besten Freunde wussten warum ich die Posttraumatische Belastungsstörung habe. Auch mein Therapeut wusste nur oberflächlich was ich erlebt hatte, das genaue wissen über die Traumata war für die Therapie nicht notwendig. Lange habe ich mich nicht getraut drüber zu schreiben oder drüber zu reden. Vieles schien in dem dunklen Teil meiner Seele zu liegen. Vielleicht hatte ich die Erinnerungen auch einfach verschüttet oder hatte Angst sie freizulassen und sie kommen jetzt erst frei, seit ich fühle, dass ich in Sicherheit bin, nicht mehr alleine bin. Warum ich genau Angst hatte, weiß ich nicht. Mag es an der räumlichen Nähe zum Täter gelegen haben, der nur 900m von meiner alten Wohnung entfernt wohnte, und der Angst was er tut, wenn ich öffentlich drüber rede. Mag es an meiner Scham gelegen haben, man redet über sowas nicht, #meetoo hin oder her.  Man schweigt die Taten tot, weil man nicht als schwach, wehrlos, verletzlich gelten möchte. Aber als bei mir am Sonntag Abend der Heulkrampf Knoten platze, ich mit einem riesen Panikanfall am Esszimmertisch saß und den Worten in mir einfach ihren Lauf ließ, da ist was in mir frei geworden, etwas in mir ist passiert. Es war wie ein Befreiungsschlag, ein lauter Aufschrei meiner Seele.
Nach dem Tod meines Vaters war ich verdammt haltlos und wehrlos, das hat sich mein „Ex-Freund“ zu nutze gemacht. Ex-Freund steht hier in Anführungsstrichen, denn fragte man ihn ob wir zusammen waren sagte er es wäre nur eine F+ oder wahlweise auch wir sind nur Freunde, aber wehe ich sagte dasselbe wenn mich einer fragte. Er schwärmte von anderen Frauen während ich neben ihm lag, wenn ich das tat war ich eine Schlampe und er sehr verletzt. Wenn ich gehen wollte und mich loseisen wollte oder nicht so tat wie er wollte, dann missbrauchte er mich. Wenn es mir schlecht ging blockierte er mich, denn mit dem Elend wollte er nichts zu tun haben, meldete sich wenn es ihm passte, weil er mich ja retten wollte. Dann ging es mir noch schlechter. Wenn ich gerade über etwas reden wollte was oder etwas Wärme brauchte, wollte er vorher Sex. Am Ende hat er das dann immer so gedreht als ob ich ihn missbrauche, weil er das ja gar nicht will. Am Ende verlangte er immer dass ich mich um ihn kümmer, sein Leben regel, weil ich ihm das schuldig war, er wäre ja schließlich immer für mich da. Ich habe damals mit ihm zusammen gearbeitet, in der selben Firma, im selben Projekt. Also machte ich im Büro erst seine Arbeit und dann meine und er zockte währendessen. Er verlangte dass ich für ihn koche, damit er Geld sparte, das Essen durfte ich dann bezahlen. Ich hatte so eine Angst vor dem alleine sein, denn mittlerweile hatte er mir auch eingeredet, dass alle Menschen um mich herum schlecht für mich sind und er alleine mein Retter sei, also blieb ich, wenn hatte ich den schon, wer wollte sich schön mit mir abgeben. Er traf sich nebenher mit anderen Frauen, fing wieder was mit seiner Ex an und ich lief parallel, ohne dass sie es wusste. Er wollte sogar dass wir Freundinnen wurden. Sie war seine vorzeig Freundin, ich war seine Geliebte, weil ich bin ja peinlich, nicht vorzeigbar und keiner sollte wissen, dass es mich gibt, weil das wäre schlecht für sein Ansehen. Zu der Zeit fing ich an mir die Arme aufzuschneiden, aber keiner merkte was. Vor Weihnachten 2011 war ich mit meinem Fußballverein im Ski/ Schlittenurlaub gewesen, alles war schön, wir bauten ein Lebkuchen Haus, im Hintergrund lief Musik, alles war ruhig und gelassen. Ich hatte das Gefühl ich hätte Zeit zur Ruhe zu kommen, dass ich alleine Weihnachten feiern musste, war soweit weg. Als ich einen Tag vor Weihnachten wieder in meiner Wohnung war brach alles in mir zusammen. Ich lag im Badezimmer auf dem Badvorleger und ließ alles Elend aus mir rausheulen. In dem Moment klingelte mein Telefon, eine Kollegin war dran, ob ich mit ihrer Familie Weihnachten feier wollte? Ich müsste nur nach Poppenweiler kommen. Ich fuhr hin und langsam hatte ich wieder das Gefühl es gibt andere Menschen. Ich hörte auf mir die Arme aufzuschneiden. Im Januar 2012 eskalierte unser Abhängigkeitsverhältnis, weil ich mir nicht mehr alles gefallen ließ. Einen Abend Anfang März kam ich nach Hause und fing an Bewerbungen zu schreiben, ich musste das raus und als ich einen Job gefunden hatte kündigte ich sofort, leider hatte ich drei Monate Kündigungsfrist. Er fing eine Psychoterror an, er terrorisierte mich. Im Mai 2012, ich wollte nicht, aber irgendwie war es wieder zum Sex gekomen, merkte ich, ich will das nicht mehr. Ich fing an mich zu wehren, sagte nein, wollte aufstehen, dann hielt er mich fest und hörte erst auf als er fertig war. Danach stand ich wie in Trance auf, zog mich an und weinte. Ich saß den ganzen Nachmittag auf der Couch und überlegte was ich tun soll, am Ende entschied ich zu duschen alles zu vergessen. Er rief mich Abends an, ich wäre unmöglich ich hätte ihm das Gefühl gegeben er würde mich vergewaltigen, das fände er falsch, schließlich würde ich ja ihn ständig mit meinen Blicken dazu überreden dass er mit mir schläft, ich würde ihn missbrauchen, ich wär ja immer so.  Im Juni nahm der Psychoterror zu, ich hatte Wochen nicht richtig geschlafen, weil er mich nicht in Ruhe ließ und jeden Abend einen Streit vom Zaun brach, in denen er mich massiv anging und ich nicht schlafen konnte. Ende Juni, drei Tage bevor ich endlich aus seinen Fängen raus wäre, eskalierte es so, dass ich die ganze Nacht herumwanderte und irgendwann im Morgengrauen mit dem Messer auf dem Boden saß. Ich erinnerte mich an vieles und wie schön das Leben doch eigentlich war und wie sehr ich es geliebt hatte. Ich saß da wie in Trance, bereit meinem Leben ein Ende zu setzen. Aber ich wollte nicht sterben, ich wollte leben, ich wollte nur so nicht mehr so leben. Ich stand auf, legte das Messer weg und schrieb einen Hilfepost bei Facebook. Schnell packte ich meine Sachen zusammen, es war gerade hell geworden, ging nach draußen und setzte mich in den Wald. Dort schlief ich ein. Ich wurde wach, weil ich eine Nachricht hatte. Es war der Vater einer unser B Jugend Spielerinnen, sie würden zu einem Tunier fahren und wenn ich mitkommen wollte sollte ich zu Ihnen kommen. Ich nahm meine Sachen und ging zu Ihnen und fuhr mit. Er kümmerte sich den ganzen Tag um mich. Das rettete mir wahrscheinlich das Leben. Drei Tage später fuhr ich zu meiner Familie, ich blockte ihn.

Veröffentlicht von Manuela Ludorf

Manuela Ludorf wurde im September 1977 in einem Vorort von Bielefeld geboren. Mit 14 Jahren fing sie an zu schreiben. Sie studierte Informatik an der Universität Bielefeld mit dem zweiten Hauptfach Linguistik. Neben ihrer sehr logisch strukturierten Arbeit als Software-Entwicklerin pflegte sie das Schreiben als Ausgleich. Im November 2012, nach dem Tod ihres Vaters und einer sehr schmerzhaften Trennung, fing sie an ihr erstes Buch zu schreiben. Durch das Schreiben findet sie Zugang zu Gefühlen. Dabei muss es sich nicht zwingend um ihre Gefühle handeln, da sie sich beim Schreiben durch Situationen aus ihrem Leben und Begegnungen mit ihren Mitmenschen inspirieren lässt.

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